automatic speech

29. Mai 2022

19.00 Uhr

Künstlerhaus Wien Factory

Bösendorferstraße 10

1010 Wien

Die Intelligenz äussert sich unbedingt und unmittelbar durch Sprechen.

Georg Friedrich Hegel

Alexander Schuberts Your Fox's A Dirty Gold stellt den Aspekt der Inszenierung und der Präsentation ins Zentrum der Aufmerksamkeit und bedient sich hierbei dem gestischen Repertoire eines Rockkonzertes. Die Performerin agiert über weite Strecken als Automatenpuppe, die ikonographische Posen des Aufbegehrens ausführt und auf die Künstlichkeit der Inszenierung verweist.

Andrej Koroliovs Stück Resist Mix greift Elemente der für ihre technisch oft hochvirtuose Behandlung des drumsets bekannte Metal-Musik auf und lässt den Maschinisten selbst zum Stimmperformer werden, der in Agitprop-Manier gegen „die Institutionen“ anschreit.

Institutionskritik bekommt man auch in Peter Kutins und Florian Kindlingers Kurzfilm GEN – XIIIX zu hören. Vor der Folie des Mythos vom Turmbau zu Babel referiert Theodor W. Adornos mittels künstlicher Intelligenz zum Leben erweckte Stimme über Museen als Ruhestätten der Nostalgie und als frei zugängliche Schlafsäle. Institutionen, Bibliotheken und Akademien werden als Gräber vergeblicher Anstrengungen der Nutzlosigkeit preisgegeben. GEN – XIIIX thematisiert den Mythos der Maschine samt Ausformungen menschlicher Hybris, handelt von Fortschrittsglaube und Erlösungsphantasien: ein Auswuchs paradoxer Dialektik.

In Digital hinterfragt Franck Bedrossian den Stil-Begriff und dessen formale Möglichkeiten. Kontrabass und Schlagzeug entpuppen sich im „Rock“-Finale als „Rhythmusgruppe“, die sich in einer Welt des Exzesses verliert. Die Form ist trügerisch rhapsodisch, in deren Abfolge sich improvisationsähnliche Abschnitte entwickeln, die zu einer vollständigen Verschmelzung der instrumentalen Welt mit der Elektronik führen.

Eine Auswahl der mittlerweile zu Klassikern gewordenen Rècitations von Georges Aperghis zeigen maschinenhaftes, monologisierendes Sprechen in seiner unmittelbarsten Form.

Beat Furrers kaleidoscopic memories lässt weitere Assoziationen zum Titel dieses Abends zu. „Nichts als Kunst und Mechanismus, nichts als Pappendeckel und Uhrfedern.“ Seinem 1997 entstandenen Werk Stimme-allein liegt ein Textausschnitt aus Georg Büchners „weltberühmten Automaten“ Leonce und Lena zu Grunde. Ob im Dröhnen der Stimmen im Haus der Fama, in der Selbstbespiegelung des Narcissus, den körperlosen Antworten Echos oder von Orpheus, der an Eurydike vorbeisingt: Furrers Figuren sind nie mit sich selbst identisch. In kaleidoscopic memories lässt der Komponist uns am Gespräch eines Kontrabasses mit seinem Schatten teilhaben. Seine „Automaten“ sprechen aus dem Un(ter)bewussten, meist trifft man sie auf der Suche nach einer Sprache.

Reinhold Schinwald

büro lunaire Konzept

Gina Mattiello Stimme

Igor Gross Schlagwerk

Margarethe Mayerhofer-Lischka Kontrabass

Reinhold Schinwald Klangregie, Live-Elektronik

Florian Kindlinger Sound

Programm:

Andrej Koroliov Resist Mix (2014) Schlagzeug und Elektronik

Beat Furrer kaleidoscopic memories (2016) Kontrabass und Elektronik

Georges Aperghis Rècitations No. 9, 12 (1977) Stimme

Peter Kutin | Florian Kindlinger GEN – XIIIX (2019) Kurzfilm
Franck Bedrossian Digital (2003) Kontrabass, Schlagwerk und Elektronik

Alexander Schubert Your Fox's A Dirty Gold (2011) Solo Performance für Stimme, Bewegungssensoren, E-Gitarre und Live-Elektronik

Kostüm: Flora Miranda

Eine Produktion von büro lunaire in Kooperation mit dem Künstlerhaus Wien.

Fotos: (oben links, rechts) Markus Gradwohl